Porträtfoto von Dr. Katrin Singer
Niels C. Fleischhauer

Niels C. Fleischhauer

Berufsstart als Assistenzarzt: So gelingen Ihnen die ersten Wochen

Wenn dein Kopf explodiert, wirst du als Arzt untergehen”, stellt “Dr. Cox” in der Fernsehserie “Scrubs – Die Anfänger” fest. Diese Binsenweisheit trifft den Nagel auf den Kopf; denn viele frisch gebackene Hochschulabsolventen fühlen sich am Anfang ihrer Zeit als Assistenzarzt von den neuen Aufgaben und Verantwortlichkeiten überfordert. Damit Ihr Kopf hingegen unversehrt bleibt und Sie erfolgreich in Ihre Weiterbildung starten, sollten Sie jetzt unbedingt weiterlesen.

Dr. Katrin Singer gibt Ihnen wertvolle Tipps für Ihren Berufsstart und die ersten Wochen als Assistenzarzt. Sie ist Gründerin des Ärztinnen-Netzwerks MumDocs und weiß, worauf Weiterbildungsassistenten am Anfang ihrer Karriere besonders achten sollten. Zum Schluss erfahren Sie, wo Sie eine Klinik finden, in welcher Sie eine besonders gute Einarbeitung erhalten.

Erster Tag als Assistenzärztin

Die erste Stelle nach der Uni ist immer eine besondere Herausforderung”, beschreibt Frau Dr. Singer ihre ersten Tage als Assistenzärztin. Kurz zuvor hatte sie eine Weiterbildungsstelle für Innere Medizin an einer bayerischen Klinik angetreten. Jetzt war Schluss mit der Theorie. Es warteten echte Patienten und große Aufgaben auf sie.

Dabei brauchen Sie bei Weitem nicht unvorbereitet in den Klinikalltag zu starten. Unternehmensgründerin Dr. Singer rät dazu, bereits das Praktische Jahr zu nutzen. “Man merkt dann erstmal, wie wenig man für den echten klinischen Alltag gelernt hat, wie theoretisch das ganze Wissen ist (oder zumindest ein Großteil). Ich kann daher nur alle ermutigen, das PJ so gut wie möglich zu nutzen, denn auf einmal ist man die, die mit Verantwortung für Patienten auf Station steht.” Während Ihres Praktischen Jahres können Sie bereits abschätzen, was man als Assistenzarzt alles können muss. Das PJ stellt also eine wunderbare Vorbereitung auf Ihre Assistenzarztzeit dar.

Es ist normal, dass Sie gerade in den ersten Tagen den Eindruck bekommen, als Assistenzarzt keine Ahnung zu haben. Daher mache sich ein wacher, offener Geist bezahlt, erklärt Frau Dr. Singer. “Ich hatte damals das große Glück, tolle erfahrene Assistentinnen und Fachärztinnen auf der Station zu haben und eine hervorragende Betreuung durch Oberärzte. Ich habe mich am Arbeitsstil und -tempo der Kolleginnen orientiert, versucht, alles aufzusaugen, was um mich rum passiert ist, und mir viele Notizen gemacht zu Therapien und Medikamenten. Die Lernkurve ist in den ersten Monaten wirklich steil und das macht einfach auch wahnsinnig viel Spaß.

Der richtige Fokus

Frau Dr. Singer rät Assistenzärzten beim Berufsstart buchstäblich dazu, ein Notizbuch zu führen. Auf diese Weise erhalten Sie auch Ihre Konzentration. Alle Details im Kopf zu behalten, würde Ihr Arbeitsgedächtnis überstrapazieren; denn “jede Station und Abteilung hat ihre eigenen Besonderheiten, Uhrzeiten für Besprechungen oder Chefvisiten”, merkt sie an. “Das wichtigste ist, fokussiert zu sein und schnell zu lernen, wie man triagiert. Sonst verzettelt man sich nur und vergisst am Ende wichtige Dinge”, warnt Frau Dr. Singer weiter. Ansonsten drohen doppelte Arbeit und verärgerte Kollegen. Dabei können Methoden zur Priorisierung hilfreich sein – etwa das nach dem früheren US-amerikanischen Präsidenten benannte Eisenhower-Prinzip (externer Link).

Überhaupt gehe nichts über Fragen, ist Unternehmensgründerin Dr. Singer überzeugt. “Seid wissbegierig und aufmerksam. Tauscht euch mit Kollegen aus. Fragt um Hilfe und Rat, wenn etwas unklar ist. Blöde Fragen gibt es nicht. Viel gefährlicher ist es, nichts zu fragen und damit womöglich Patienten zu gefährden.” Zudem können überforderte Assistenzärzte auf diese Weise Stress vorbeugen. Übrigens spricht nichts dagegen, bereits bei der Hospitation ärztliche Kollegen um Tipps zu bitten. Bei aller Aufregung wird dieser Aspekt leider häufig vergessen.

Keine Angst vor Diensten

Der ärztliche Schichtdienst im Krankenhaus bereitet vielen Weiterbildungsassistenten Sorgen. Das gilt insbesondere für ärztliche Nacht- und 24-Stunden-Schichten. Frau Dr. Singer hält diese Ängste für unbegründet: “Wir haben damals mit älteren Kollegen die wichtigsten Notfälle durchgespielt und uns Notizen dazu gemacht. Mein schlaues Heftchen hatte ich dann in jedem Dienst in der Kitteltasche. Sehr empfehlen kann ich auch, sich bei Dienstantritt bei den anderen diensthabenden Kollegen kurz vorzustellen. Man profitiert ungemein von deren Wissen und einem guten Klima und Teamwork.

Doch schauen Sie mit einer gewissen Demut über den Tellerrand. Auch auf nicht-ärztlicher Seite wartet nämlich guter Rat auf Sie, wie Frau Dr. Singer berichtet: “Man sollte auch unbedingt offen sein für die Vorschläge seitens der Pflege, die den Job oft seit vielen Jahren macht und deren Erfahrungswerte jedes theoretische Uniwissen deutlich stechen.

Alleine auf der Station?

Sie haben Angst vor Ihrem ersten Nachtdienst, weil Sie ahnen, auf der Station alleine gelassen zu werden? So oder ähnlich befürchten es jedenfalls viele Weiterbildungsassistenten. Frau Dr. Singer hat solche Situationen selbst erlebt: “Leider ist es tatsächlich oft so, dass man schnell ins kalte Wasser geworfen wird, weil einfach die Personaldecke so dünn ist.” Doch sie erkennt in dieser Lage auch Chancen für den weiteren Verlauf des Arztberufs. Nein, Ärzte brauchen keine Angst vor der Übernahme der großen Verantwortung zu haben: “Nur, wenn man selbstständig arbeitet und gezwungen ist, Entscheidungen zu treffen, lernt man auch was”, ist sie überzeugt.

Es gibt allerdings Grenzen – nämlich dann, wenn Menschenleben auf dem Spiel stehen. Insbesondere Ärzte, welche ihre Approbation während der Corona-Krise erhalten haben, klagten mir gegenüber häufiger über Defizite bei praktischen Kenntnissen/Fertigkeiten. Falls Sie sich noch nicht sicher genug fühlen, sollten Sie “unbedingt das Gespräch mit Kollegen oder Vorgesetzten suchen”, betont Unternehmensgründerin Dr. Singer. Decken Sie mögliche Wissenslücken oder Schwächen auf, damit diese geschlossen werden und Vorgesetzte darauf reagieren können. “Einen Zeitplan zur Einarbeitung gibts inzwischen fast überall. Aber man kann diesen natürlich auch strecken”, beruhigt sie.

Privat- und Berufsleben trennen

Irgendwann wird Ihr erster Arbeitstag als Assistenzarzt enden – zumindest in der Klinik. So mancher Berufsanfänger nimmt die Arbeit jedoch seelisch/emotional mit nach Hause. “Da ist es wichtig, sich gut zu erholen, abzuschalten und nicht an irgendwelchen Fällen zu knobeln. Die Arbeit in der Arbeit lassen, ist wirklich ein wichtiger Tipp gerade für junge Kollegen”, empfiehlt Frau Dr. Singer. Sie hat im Laufe der Zeit ihre eigenen Strategien entwickelt, um Privat- und Berufsleben voneinander zu trennen: “Ein gutes Gespräch mit Kollegen ist Gold wert. Wenn man sich im Team wohlfühlt, Probleme und Sorgen ansprechen kann und auf offene Ohren stößt, ist es nicht nötig, Themen mit nach Hause zu nehmen.”

Achten Sie weiterhin auf Ihr Arbeitspensum – auch wenn dies gerade für Neulinge eine echte Herausforderung darstellt. “Wichtig finde ich auch, einigermaßen pünktlich nach Hause zu gehen und nicht stundenlang abends noch alles Mögliche erledigen und bearbeiten zu wollen. Sonst kreisen die Gedanken oft auch beim Heimgehen noch um die Arbeit und man vernachlässigt Hobbys, Freunde und Familie, die normalerweise für Ablenkung und Entspannung sorgen würden”, gibt Unternehmensgründerin Dr. Singer zu bedenken.

Wenn ein Patientenschicksal Sie jedoch einmal nicht loslässt, ist das kein Beinbruch. Das weiß auch Frau Dr. Singer: “Aber natürlich gibt es Fälle, die einen belasten, über die man auch mal daheim nachdenkt. Das ist völlig in Ordnung.” Entscheidend ist, daraus keine Gewohnheit zu machen.

Netzwerke für Assistenzärzte

Es klang bereits an mehreren Stellen in diesem Beitrag an: Sie sind nicht alleine. Machen Sie sich das klar. Seien Sie offen und ehrlich. Fordern Sie aktiv Hilfe ein, wenn dies nötig werden sollte. “Im Idealfall versteht man sich natürlich so gut mit den Kollegen und Oberärzten, dass man auch im Team Unterstützung findet. Gemeinsam auch mal was außerhalb der Arbeit zu unternehmen, kann ich nur empfehlen. Ein positives Klima im Team ist unersetzlich und trägt einen mehr durch die erste Zeit als blutiger Anfänger, als es jedes Kitteltaschenleitfadennotfallbuch vermag”, schildert Frau Dr. Singer.

Darüber hinaus sind in den vergangenen Jahren zunehmend ärztliche Netzwerke entstanden; und dabei spreche ich nicht von Balint-Gruppen. “Wenn nicht schon im Studium geschehen, kann ich nur empfehlen, sich Mentoren zu suchen oder Netzwerke, in denen man sich wohlfühlt, Rat und Austausch findet und sein Herz ausschütten kann. Ich habe damals das Netzwerk MumDocs gegründet für Mütter in der Medizin. Auch viele Fachgesellschaften haben inzwischen Netzwerke für jüngere Kollegen”, verrät Unternehmensgründerin Dr. Singer. Hier befinden Sie sich unter Gleichgesinnten. Gerade am Anfang profitiert man als Assistenzarzt enorm vom hilfreichen Austausch untereinander. 

Eine gute Einarbeitung zum Berufsstart als Assistenzarzt

Ich wünsche mir, dass wir Ihnen mit diesem Beitrag Ängste nehmen und Sie beim Berufsstart als Assistenzarzt unterstützen konnten. Sie sollten die ersten Wochen als Assistenzarzt strategisch angehen und sich nicht zum passiven Spielball des Klinik-Alltags machen. Mehr noch als dieser Artikel werden Sie jedoch Ihre eigenen Erfahrungen stärken; und auf diese wird es nicht nur während Ihrer Assistenzarztzeit, sondern ebenso im weiteren Verlauf Ihrer ärztlichen Karriere besonders ankommen.

Viele Assistenzärzte treten an mich heran, um zu erfahren, wo sie zu Anfang eine besonders gute Einarbeitung erhalten – ob sie etwa als Assistenzarzt lieber an eine Uniklinik gehen sollten oder nicht. Wenn auch Sie ähnliche Fragen wie diese umtreiben, melden Sie sich unbedingt bei Ärzteglück. Wir wollen, dass Sie Ihren Arztberuf von Beginn an lieben.

Porträtfoto von Dr. Katrin Singer
Dr. Katrin Singer arbeitete selbst vier Jahre als Weiterbildungsassistentin für Innere Medizin in einem bayerischen Krankenhaus. 2018 machte sie sich selbstständig und gründete das Ärzte-Netzwerk MumDocs. Dieses unterstützt Mütter in der Medizin dabei, das Ärztin sein und Familienleben miteinander zu vereinbaren. Alles Weitere erfahren Sie auf der Website von MumDocs (externer Link).

Über den Autor

Niels C. Fleischhauer

Niels C. Fleischhauer

Inhaber von Ärzteglück

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