Porträt von Ärzte-Coach Heike Beck-Cobaugh
Niels C. Fleischhauer

Niels C. Fleischhauer

Mobbing im Gesundheitswesen: Daran erkennen Ärzte eine Abteilung mit schlechtem Arbeitsklima

Sind Sie schon einmal mit Bauchschmerzen in die Klinik gefahren, obwohl Sie körperlich gesund waren – vielleicht sogar jeden Tag? Dann waren Sie wahrscheinlich Teil einer Abteilung mit einem schlechten Arbeitsklima oder haben gar selbst Mobbing erfahren. Da wären Sie bei Weitem nicht alleine; denn laut dem Mobbing-Report (externer Link) der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) bestehen im Gesundheitswesen “überdurchschnittliche Risiken, von Mobbing betroffen zu sein”.

Erfahren Sie in diesem Artikel, wie Sie bereits vor Stellenantritt herausfinden, ob die Abteilung einen Nährboden für Mobbing bietet. Ärzte-Coach und Mediatorin Heike Beck-Cobaugh verrät Ihnen Mobbing-Indikatoren, auf die Sie bei der Wahl des Krankenhauses achten sollten. Außerdem lernen Sie die entscheidenden Fragen kennen, welche Sie dem Chefarzt beim Vorstellungsgespräch oder während der Krankenhaus-Hospitation stellen sollten.

Mobbing im Gesundheitswesen weit verbreitet

Mobbing ist kein Einzelfall, sondern ein generelles Problem im Gesundheitswesen. Das belegen diverse nationale und internationale Studien. Neben der bereits erwähnten BAuA-Studie kamen auch das Neuropsychiatrische Zentrum Hamburg (externer Link) und eine britische Studie (externer Link) zu vergleichbaren Ergebnissen.

Frau Beck-Cobaugh sieht dies als systemische Folge strenger Hierarchien und fehlender Gewaltenteilung in Krankenhäusern. “Letztendlich praktizieren Fachabteilungen und Kliniken generell eher die Politik des ‘Closed Shop’. Alles, was passiert, bleibt in der Klinik und wird selten nach außen getragen.” Als weitere Ursache benennt sie den Umstand, dass “viele Führungskräfte auf allen Klinikebenen konfliktscheu” seien. “Konflikte werden weder angesprochen, noch be- oder verarbeitet. Somit schwelen viele Konflikte im Hintergrund. Außerdem stehen die Mitarbeiter in Kliniken natürlich generell unter Zeit- und Leistungsdruck.” Alles das fördere Mobbing-Strukturen.

Keine Zeit für Schwächen innerhalb der Ärzteschaft

Ärzte zeichnen sich beim Thema Mobbing im Krankenhaus durch einige Besonderheiten aus, wie Mediatorin Beck-Cobaugh weiß: “Gerade die Ärzteschaft ist immer noch sehr geprägt von Konkurrenzdenken und Alphatier-Gehabe. Schwächen werden meistens negiert und der Fokus wird eher auf die Unzulänglichkeiten der Kollegen gelenkt. Die zunehmend multikulturelle Zusammensetzung in Ärzteteams führt zu weiteren Konflikten und die Schwächsten – oftmals die Frauen – haben da natürlich das Nachsehen.

Frau Beck-Cobaugh bemängelt das fehlende Ausmaß an Zeit und “Bereitschaft von ärztlichen Führungskräften, ihr Ärzteteam und die darin enthaltenen Kulturen aufeinander vorzubereiten. Alle sollen auf Knopfdruck funktionieren und wenn das nicht sofort funktioniert, kann das sehr schnell zu einem schlechten Umgang miteinander und minimaler Kommunikation untereinander führen.” Auch die Kliniken würden ihrer Verantwortung nicht nachkommen. Es gebe “in den Kliniken generell kaum Unterstützungsangebote für Ärzte, was Onboarding angeht. Ärzte werden immer noch dazu angehalten, zu funktionieren und keine Schwächen zu zeigen.

Falls Sie sich gefragt haben, ob Sie als einziger Arzt unter den Arbeitsbedingungen im Krankenhaus leiden, so kann dies klar verneint werden. Viele Mediziner – so berichtet es Ärzte-Coach Beck-Cobaugh – würden sich gar nicht erst mitteilen: “Die Dunkelziffer bei ärztlichen Mobbingopfern dürfte hoch sein. In der Ärzteschaft herrscht oft die Devise vor: Alle sind erwachsen und sollen gefälligst ihre Konflikte selbst regeln!

Geschlechtsspezifische Unterschiede beim ärztlichen Mobbing im Krankenhaus

In der Ärzteschaft werden Frauen mehr von Männern gemobbt, weil sie zahlenmäßig unterlegen sind”, erklärt Frau Beck-Cobaugh. Fraglich ist, inwiefern sich die Tendenz in den nächsten Jahren und Jahrzehnten ändern oder sogar umkehren könnte. Schließlich strömen immer mehr Frauen in den Arztberuf.

Die Mediatorin sieht Unterschiede bei der Art des Mobbings unter männlichen und weiblichen Ärzten. “Männer sprechen oft nicht mehr mit einer Person, ignorieren diese einfach, sprechen verbale Drohungen aus, unterbrechen den anderen oft vor anderen und führen die Person vor Publikum vor, greifen deren politische oder religiöse Weltanschauung an”. Sie “schikanieren das Mobbing-Opfer vor anderen (aber auch im Zweier-Kontext), stellen die Kompetenz des Mobbing-Opfers immer wieder in Frage.

Doch auch Frauen stehen ihren männlichen Kollegen in nichts nach, wie Frau Beck-Cobaugh konstatiert. Sie “praktizieren destruktives Lästern hinter dem Rücken der Person, halten wichtige Informationen zurück oder verbreiten Falschaussagen, suchen sich Verbündete gegen das Mobbing-Opfer, weigern sich, mit der Person zusammenzuarbeiten.” Außerdem sprechen sie “Probleme nicht im Beisein der Person aus und tun so, als wäre nichts, machen höchstens Andeutungen, werden aber selten konkret dem Mobbing-Opfer gegenüber, schreiben anonyme Briefe.

Woran Sie eine Abteilung mit schlechtem Arbeitsklima erkennen

Abteilungen, in welchen ein derart toxisches Arbeitsklima herrscht, sollten Sie meiden. Doch wie können Sie bereits frühzeitig erkennen, ob und in welcher Form dort Mobbing existiert? Frau Beck-Cobaugh regt an, bereits vor dem ärztlichen Bewerbungsgespräch im Krankenhaus eine Netz-Recherche zu negativen Artikeln, möglichen Mitarbeiterforen oder dem Chefarzt durchzuführen.

Vor Ort – etwa im Rahmen einer Hospitation – empfiehlt die Mediatorin, den Umgang der Kollegen untereinander zu beobachten und die Atmosphäre auf sich wirken zu lassen: “Wie reden die Kollegen übereinander und wie ist die Körpersprache im gemeinsamen Arbeiten – zugewandt oder eher genervt, Augenrollen, Schnaufen usw.? Welche negativen Kommentare fallen fast schon im Vorbeigehen.” Auf diese Weise können Sie Mobbing im Gesundheitswesen am ehesten ausmachen.

Des Weiteren rät Ärzte-Coach Beck-Cobaugh dazu, gezielte Fragen zu stellen:

  • Wie war die Fluktuation unter den Ärzten während der vergangenen drei Jahre?
  • Wie beschreiben die Kollegen den Führungsstil des Chefarztes?
  • Welcher Kollege ist angesehen oder wird geschätzt – und warum?
  • Welcher Kollege ist weniger angesehen oder wird weniger geschätzt – und warum?
  • Welche gemeinsamen Aktivitäten außerhalb der Klinik gibt es?
  • Bestehen Generationskonflikte oder kulturelle Schwierigkeiten?

Ein Krankenhaus mit gutem Arbeitsklima finden

Mit den genannten Tipps und Fragen können Sie nun verstärkt hinter die Fassade der Abteilung blicken. Sehen Sie die aufgeführten Aspekte allerdings nur als Auswahl. Die Indikatoren können vielschichtig sein. Gemäß Frau Beck-Cobaugh sei es ganz wichtig, dem eigenen Bauch zu lauschen: “Unser Bauch ist oft ein guter Indikator. Ärzte hören leider nur sehr selten auf ihn, da sie als Akademiker nach greifbaren Fakten suchen.” Kommt Ihnen etwas nicht koscher vor, haken Sie nach.

Es leiden längst nicht alle Krankenhäuser oder Abteilungen unter Mobbing; aber es gibt eben einige schwarze Schafe. Gerne zeigen wir Ihnen medizinische Arbeitgeber, dessen Arbeitsklima wir kennen und gutheißen. Wir wollen, dass Sie Ihren Arztberuf lieben. Fragen Sie uns und profitieren Sie von unserem umfangreichen Netzwerk zur Ärztevermittlung – völlig kostenfrei.

Porträt von Heike-Beck-Cobaugh
Heike Beck-Cobaugh ist Ärzte-Coach und Mediatorin. Bei ihrer Arbeit sorgt sie dafür, dass Führungskräfte und ihre Teams in einem angenehmen Arbeitsklima zusammenarbeiten. Mehr erfahren Sie auf ihrer Website (externer Link).

Über den Autor

Niels C. Fleischhauer

Niels C. Fleischhauer

Inhaber von Ärzteglück

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